Viele medizinische Standards basieren auf männlichen Normwerten. Das kann im Arbeitsalltag ein Risikofaktor für Frauen sein. Wie Unternehmen mit gendersensibler Medizin Gesundheit besser schützen, erklärt Dr. Irina Getzendörfer, Arbeitsmedizinerin bei BG prevent, in unserer Serie zur Frauengesundheit.
Gendermedizin macht Arbeitsschutz präziser
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Warum brauchen wir gendersensible Medizin auch im Arbeitskontext?
Dr. Irina Getzendörfer: Weil Frauen und Männer biologisch unterschiedlich sind. Hormone, Stoffwechsel und Körperbau beeinflussen, wie Krankheiten entstehen und verlaufen. Diese Unterschiede wirken sich direkt auf Arbeitssicherheit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit aus. Gendermedizin stellt den Menschen in den Mittelpunkt, damit alle eine gleichwertige Behandlung erhalten können. Das Geschlecht ist ein Faktor, aber auch ethische und soziokulturelle Aspekte spielen eine Rolle. Gendermedizin bedeutet also nicht Polarisierung, sondern präzisere Medizin.
Wie sehen die Auswirkungen auf die Arbeitssicherheit konkret aus?
Dr. Irina Getzendörfer: Medizinische Forschung basierte lange auf männlichen Probanden. Das prägt Diagnostik und Standards bis heute. In Betrieben zeigt sich das etwa durch unpassende Schutzausrüstung, ungeeignete Ergonomie oder Beschwerden, die zu wenig Beachtung finden. Schutzausrüstung muss passen, sonst schützt sie nicht. Auch Temperatur, Sitzhöhe oder Bildschirmposition beeinflussen die Gesundheit. Kleine Anpassungen an die Bedürfnisse von Frauen haben dabei oft große Wirkung.
PSA ohne Passform: Ein Risiko besonders für Frauen
Persönliche Schutzausrüstung (PSA) ist häufig am männlichen Körper orientiert. Für Frauen bedeutet das oft: schlechter Sitz und eingeschränkte Schutzwirkung. PSA gilt jedoch nur dann als geeignet, wenn sie wirklich passt.
Was Betriebe beachten sollten:
PSA in verschiedenen Passformen und Größen bereitstellen
Frauen aktiv in Auswahl und Tragetests einbeziehen
Gefährdungsbeurteilungen geschlechtersensibel durchführen
Kritische PSA (z. B. Atemschutz, Absturzsicherung) besonders prüfen
Klar kommunizieren: Passform ist ein Sicherheitskriterium
Welche Folgen hat eine männlich geprägte Diagnostik für Frauen?
Dr. Irina Getzendörfer: Viele Krankheitsbilder wurden anhand männlicher Symptome definiert. Frauen zeigen jedoch oft andere Anzeichen. Diese werden schneller fehlinterpretiert oder psychologisiert. Deshalb kann es sein, dass Frauen erst verzögert die richtige Diagnose erhalten und sich der Krankheitsverlauf dadurch verschlechtert. Eine weitere Herausforderung ist die richtige Medikation. Viele Medikamente sind nur an Männern getestet, wirken aber bei Frauen unterschiedlich und verursachen andere Nebenwirkungen.
Bei welchen Erkrankungen unterscheiden sich die Symptome? Wie gefährlich ist das?
Dr. Irina Getzendörfer: Ein klassisches Beispiel ist der Herzinfarkt. Männer erleiden zwar häufiger einen, doch Frauen überleben ihn seltener. Das kann an den unterschiedlichen Symptomen liegen. Männer haben oft Brustschmerzen und ausstrahlende Schmerzen in den linken Arm. Frauen klagen eher über Rücken- und Bauchschmerzen oder Kreislaufprobleme. Wird das nicht gleich erkannt, beginnt die Behandlung später. Ähnliches gilt zum Beispiel für Autoimmunerkrankungen oder Schilddrüsenstörungen.
Welche frauenspezifischen Erkrankungen sind im Arbeitsalltag relevant?
Dr. Irina Getzendörfer: Endometriose und Migräne zum Beispiel. Beide sind häufig chronisch und stark belastend. Sie werden oft spät diagnostiziert, weil Symptome unspezifisch sind oder tabuisiert werden. Im Arbeitsalltag können sie zu Fehlzeiten, Leistungseinbußen und unnötigem Leid führen, wenn keine Anpassungen erfolgen.
Welche Rolle spielen Hormone im Arbeitsleben?
Dr. Irina Getzendörfer: Eine große. Hormonelle Schwankungen beeinflussen Schlaf, Konzentration und Stressverarbeitung. Zyklus, Schwangerschaft oder Wechseljahre wirken sich auf die Leistungsfähigkeit aus. Diese Faktoren werden im Arbeitskontext bisher kaum berücksichtigt.
Wie können Unternehmen Arbeitsplätze besser an die Bedürfnisse von Frauen anpassen?
Dr. Irina Getzendörfer: Der erste Schritt ist, die eigene Belegschaft realistisch zu betrachten. Wer arbeitet hier tatsächlich? Auf dieser Basis können Unternehmen Arbeitsplätze, Prozesse und Schutzmaßnahmen besser anpassen. Normen ersetzen keine individuelle Praxisprüfung. Je nach Betrieb kann das auch bedeuten, Schutzräume einzurichten – etwa, weil Frauen am Arbeitsplatz häufiger von Übergriffen betroffen sind als Männer.
Wie können Unternehmen den Gender Data Gap, also die Datenlücke zwischen den Geschlechtern, verringern?
Dr. Irina Getzendörfer: Indem sie ihre Daten differenziert auswerten. Arbeitsunfälle, Erkrankungen und Fehlzeiten sollten Unternehmen nach Geschlecht analysieren. Nur so lassen sich Unterschiede erkennen und gezielt Maßnahmen ableiten.
Checkliste: Gendermedizin in Unternehmen
Belegschaft realistisch analysieren
Wer arbeitet wo, unter welchen Bedingungen?Arbeitsplätze praxisnah prüfen
Passen Schutzausrüstung, Ergonomie und Raumklima wirklich?Daten differenziert betrachten
Unfälle, Erkrankungen und Fehlzeiten nach Geschlecht auswerten und Gefährdungsbeurteilung anpassen.Betriebsärzt:innen früh einbinden
Medizinische Expertise in Entscheidungen integrieren.Thema sachlich verankern
Gendermedizin als selbstverständlichen Teil des Arbeitsschutzes kommunizieren.
Wie können Betriebsärzt:innen unterstützen?
Dr. Irina Getzendörfer: Wichtig ist, den Menschen zuzuhören, Beschwerden ernst zu nehmen und im Anamnesegespräch strukturiert nachzufragen. So können Betriebsärzt:innen besser beraten, sensibilisieren und Brücken ins Gesundheitssystem bauen. Dafür braucht es eine offene Haltung und kontinuierliche Weiterbildung.
Wie können Frauen selbst ihre Gesundheit am Arbeitsplatz schützen?
Dr. Irina Getzendörfer: Frauen sollten ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen, Grenzen setzen und diese kommunizieren. Hilfreich ist es außerdem, Symptome zu dokumentieren und sich gezielt auf Arztgespräche vorzubereiten.
Frauen werden seltener reanimiert – Was Unternehmen tun können
Studien zeigen: Frauen werden bei einem Herzstillstand seltener reanimiert als Männer, insbesondere durch Laien. Gründe sind Unsicherheit, Hemmungen und ein männlich geprägter „Standardpatient“ in Erste-Hilfe-Kursen.
Handlungsempfehlungen für Unternehmen:
• Erste-Hilfe-Schulungen geschlechtersensibel gestalten
• Reanimationsszenarien auch an Frauen trainieren bzw. Reanimationspuppen mit weiblichem Torso nutzen
• Rechtssicherheit klar kommunizieren: Erste Hilfe ist Pflicht und rechtlich geschützt
• Führungskräfte in der Vorbildrolle stärken

