Prostatakrebs verursacht lange keine Beschwerden, ist aber genau in der Anfangszeit am besten zu behandeln. Tilman Kurtz, Arbeitsmediziner bei BG prevent und Urologe, erklärt, warum ein kurzer Bluttest ab 45 Jahren entscheidend sein kann, wie sich die Untersuchung verändert hat und weshalb Mann nach dem ersten Termin oft erleichtert wiederkommt.
Warum der Prostata-Check heute einfacher ist
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Jährlich erkranken in Deutschland rund 65.000 Männer neu an Prostatakrebs, etwa 15.000 sterben laut Robert Koch-Institut daran. Trotzdem nimmt nur rund jeder zweite Mann ab 45 Jahren regelmäßig Angebote zur Prostatakrebs-Früherkennung wahr. Dabei ist die Erkrankung gerade im frühen Stadium gut behandelbar – wenn sie entdeckt wird.
Was sagen diese Zahlen über die Bedeutung von Prostatakrebs aus?
Tilman Kurtz: Prostatakrebs ist die häufigste bösartige Krebserkrankung des Mannes und eine der führenden Krebstodesursachen. Er liegt – je nach Statistik – auf Platz zwei oder drei. Es ist eine Erkrankung des älteren Mannes: Das Durchschnittsalter bei Diagnose liegt bei rund 70 Jahren. Und weil wir alle älter werden, wird das Thema eher größer als kleiner.
Ab wann wird Prostatakrebs gefährlich?
Tilman Kurtz: Im frühen Stadium spürt man ihn nicht. Genau dann wäre er aber gut behandelbar. Beschwerden treten meist erst auf, wenn der Tumor fortgeschritten ist. Dann kann er unter anderem das Wasserlassen erschweren oder blockieren, Blut im Urin verursachen, Erektionsstörungen auslösen oder bei Streuung in die Knochen starke Schmerzen und Brüche verursachen. Wer wartet, bis er etwas merkt, kommt oft zu spät.
Wie läuft die Früherkennung ab?
Tilman Kurtz: Empfohlen ist sie ab 45 Jahren. Der wichtigste Baustein ist heute der PSA-Blutwert. Das ist die Abkürzung für Prostata-spezifisches Antigen, ein im Blut messbares Eiweiß aus der Prostata, das zur Risikoeinschätzung dient. Der Prostata-Check ist heute deutlich einfacher als sein Ruf, weil er in der Regel mit einem Gespräch, einer kurzen körperlichen Untersuchung und einem Bluttest beginnt – nicht mit einer vermeintlich unangenehmen rektalen Untersuchung. Aus dem PSA-Wert lässt sich das persönliche Risiko sehr gut ableiten. Ist er sehr niedrig, reicht eine Kontrolle einige Jahre später.
Viele Männer haben Angst vor der Tastuntersuchung. Zu Recht?
Tilnan Kurtz: Das Bild im Kopf ist oft schlimmer als die Realität. Wichtig ist: Die aktuelle Leitlinie empfiehlt, beim ersten Termin auf die rektale Tastuntersuchung zu verzichten. Die Aussagekraft ist begrenzt und oft missverständlich. Entscheidend sind heute PSA und, bei Auffälligkeiten, eine moderne Bildgebung, die Magnetresonanztomografie, kurz MRT, der Prostata. Und jeder Mann darf die Fingeruntersuchung ablehnen. Das ist medizinisch völlig in Ordnung.
Trotzdem bleibt für viele der erste Schritt schwer...
Tilman Kurtz: Typische Gründe sind Angst vor der Untersuchung, Angst vor einer möglichen Diagnose, Bequemlichkeit und das alte Rollenbild: „Mir passiert schon nichts.“ Viele sagen offen: „Ich bin nur hier, weil meine Partnerin mich geschickt hat.“ Das ist absolut legitim. Hauptsache, sie kommen.
Viele Männer kommen gar nicht erst in die Praxis. Wie ermutigst du diese Männer, dass sie überhaupt einen Termin vereinbaren?
Tilman Kurtz: Ich würde sagen: Sie kommen nicht primär wegen einer Untersuchung, sondern wegen eines Gesprächs. Mehr ist es am Anfang nicht. Niemand zwingt Sie zu irgendetwas. Sie dürfen Fragen stellen, Zweifel haben und auch wieder gehen, ohne dass etwas passiert.
Viele stellen sich die Früherkennung viel größer vor, als sie ist. In Wirklichkeit geht es erst einmal darum, Klarheit zu bekommen. Und genau diese Klarheit empfinden die meisten im Nachhinein als große Erleichterung.
Wie nimmst du Männern die Scham?
Tilman Kurtz: Mit einem geschützten Rahmen. Die Tür ist zu, es ist keine dritte Person im Raum und ich erkläre jeden Schritt vorher. Für mich ist diese Untersuchung Alltag – für den Patienten ist sie ein sehr persönlicher Moment. Das respektiere ich. Wenn jemand etwas nicht möchte, finden wir gemeinsam eine andere Lösung.
Warum Prostatakrebsfrüherkennung ein Thema der Arbeitsmedizin ist – auch im Zusammenhang mit Gefahrstoffen
Tilman Kurtz: Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand gibt es keinen gesicherten Zusammenhang zwischen Prostatakrebs und beruflichem Kontakt mit Gefahrstoffen. Prostatakrebs gilt nicht als Berufskrankheit.
Der Bezug zur Arbeitsmedizin entsteht über die Prävention. Ziel ist es, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten. Prostatakrebs entwickelt sich oft über viele Jahre. Wird er früh erkannt, ist er meist gut behandelbar und viele Männer bleiben arbeitsfähig. Wird er spät entdeckt, kann es zu längeren Ausfallzeiten oder dauerhaften Einschränkungen kommen. Genau hier setzt Vorsorge an.
Welcher Denkfehler steckt aus deiner Sicht am häufigsten hinter dem Zögern?
Tilman Kurtz: Viele glauben, Früherkennung führt zu einer belastenden Diagnose. In Wirklichkeit aber können wir durch eine meist unauffällige Früherkennung Ängste nehmen und im Falle einer belastenden Diagnose die Krankheit rechtzeitig behandeln.

