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Wechseljahre am Arbeitsplatz: Wie Sie Maßnahmen strukturiert im BGM verankern

Noch nie gab es so viele berufstätige Frauen in den Wechseljahren wie heute. Ihre Expertise ist ein Gewinn für Unternehmen. Dr. Jennifer Chan de Avila, Co-Autorin eines Buchs über Wechseljahre am Arbeitsplatz, erklärt, wie Sie sinnvolle Unterstützungsangebote für Ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) identifizieren und mit praxiserprobten Tools Schritt für Schritt implementieren.

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Frau in einem modernen Büro lehnt entspannt im Stuhl zurück, umgeben von Pflanzen.

Der Ausfall von Frauen mit Wechseljahresbeschwerden am Arbeitsplatz kostet die deutsche Volkswirtschaft jährlich rund 9,4 Milliarden Euro. Das entspricht etwa 40 Millionen verlorenen Arbeitstagen. Dies hat ein Forschungsteam der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin um Prof. Dr. Andrea Rumler und Prof. Dr. Till Strohsal auf Basis der Ergebnisse der Studie MenoSupport errechnet. Studien aus dem Vereinigten Königreich zeigen zudem: Betroffene Frauen sind aufgrund von Wechseljahressymptomen im Schnitt etwa eine halbe Stunde pro Woche nicht arbeitsfähig. Für Deutschland gibt es keine ähnliche Erhebung. Klar ist: Hierzulande sind rund 6,7 Millionen Frauen zwischen 50 und 65 Jahren erwerbstätig, von denen die Mehrzahl an mindestens einem Wechseljahressymptom leidet.

Wechselseitige Beziehung zwischen Arbeit und Wechseljahren

Diese Zahlen machen deutlich, dass Wechseljahre nicht nur die Betroffenen etwas angehen. „Unternehmen tun gut daran, sich mit dem Thema zu beschäftigen – und das umso mehr, weil es noch nie so viele berufstätige Frauen in dieser Lebensphase gab wie heute“, sagt Politikwissenschaftlerin Dr. Jennifer Chan de Avila. Sie hat an der MenoSupport-Studie mitgearbeitet und zusammen mit Prof. Dr. Sabine Nitsche von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin das Fachbuch „Wechseljahre am Arbeitsplatz. Handlungskonzept für ein innovatives betriebliches Gesundheitsmanagement“ geschrieben. „Arbeit und Wechseljahre haben eine wechselseitige Beziehung“, erklärt die Forscherin.

Die Wechseljahre beeinflussen die Leistungsfähigkeit. Genauso können die Symptome sich verschlimmern, wenn die Arbeit sehr stresst oder die Frauen glauben, ihre Beschwerden verstecken zu müssen.
Dr. Jennifer Chan de Avila

Einfluss auf Karriereentscheidung der Frauen

Auf diese Weise entstehen laut Chan de Avila verborgene Kosten: „Viele Mitarbeiterinnen bringen immer mehr Energie auf, um ihr Leistungslevel zu halten, wodurch ihre Erschöpfung und der Wunsch nach Arbeitszeitreduktion steigen kann.“ Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen der MenoSupport-Studie wider:

  • 10 Prozent der Frauen mit Wechseljahresbeschwerden wollen deswegen früher in Rente gehen oder haben das schon getan. Bei den Befragten über 55 Jahren waren es sogar 19,4 Prozent.

  • Mehr als jede sechste Befragte hatte deswegen schon einmal die Stelle gewechselt.

  • Knapp ein Viertel der Befragten mit Beschwerden hatten wegen Wechseljahresbeschwerden bereits ihre Arbeitsstunden reduziert.

  • Fast ein Drittel war deswegen schon krankgeschrieben oder hatte unbezahlten Urlaub genommen.

Das Wohlbefinden am Arbeitsplatz beeinflusst darüber hinaus häufig die Karriereentscheidung der Frauen. Doch nur 4,2 Prozent der Befragten finden, dass in ihrem Unternehmen eine wechseljahresfreundliche Arbeitskultur etabliert ist. Chan de Avila ist überzeugt: „Ein Teil der Ausfälle ließe sich vermeiden, wenn Unternehmen Betroffene unterstützen würden.“

Signal aus der Unternehmensleitung essenziell

Inzwischen haben viele Unternehmen erkannt, dass die Wechseljahre sie auch angehen – wegen der Altersstruktur ihrer Belegschaft und wegen des Fachkräftemangels. Sie wissen aber nicht, wie genau sie ihre älteren Beschäftigten unterstützen sollen. „Viele Firmen beginnen aktuell damit, für das Thema zu sensibilisieren“, hat die Forscherin beobachtet. Für sie ein wichtiger erster Schritt, denn Betriebe können alle Mitarbeiterinnen, auch eher bildungsferne, mit neutralen, faktenbasierten Informationen erreichen. „Wichtig für die Akzeptanz ist hier das Signal aus der Unternehmensleitung, dass es gewünscht ist, dass sich alle Beschäftigten, auch Führungskräfte, über das Thema informieren."

Drei Erfahrungsebenen der Wechseljahre

Zur Aufklärung gehören für Chan de Avila die drei verschiedenen Ebenen der Wechseljahre: Sie sind eine körperliche, psychische und auch sozio-affektive Erfahrung. „Diese dritte sozio-affektive Ebene nimmt soziale Narrative, Stigma, Beschämung sowie veränderte Rollen und Beziehungen in den Blick – und wie all dies auf Selbstwert und Zugehörigkeitsgefühl wirkt“, erläutert sie. Ohne diese Ebene bringen ihrer Ansicht nach einzelne Angebote wenig.

Wenn Frauen Angst haben, wegen ihrer Wechseljahresbeschwerden bewertet zu werden, nutzen sie Maßnahmen kaum. Entscheidend ist eine offene Kultur, in der Frauen mit Symptomen keine Nachteile entstehen.
Dr. Jennifer Chan de Avila

Wenn Unternehmen das Thema im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) strukturiert und verständlich angehen wollen, finden sie im Buch „Wechseljahre am Arbeitsplatz“ zwei praxiserprobte Konzepte.

MenoMatrix als Checkliste

Die MenoMatrix ist eine einfache 3×2-Matrix, mit der Unternehmen strukturiert erfassen können, wo Wechseljahre im Arbeitsalltag wirken – und wer welche Art von Maßnahme umsetzen kann. Sie betrachtet Auswirkungen auf den drei Ebenen körperlich, psychisch und sozio-affektiv und verbindet das mit zwei Ansatzpunkten: Verhältnisprävention (was die Organisation verbessern kann) und Verhaltensprävention (was Betroffene selbst unterstützen können). Die sechs Felder helfen Ihnen, alles im Blick zu haben – vor allem die sozio-affektive Ebene (z. B. im Miteinander, in Rollen und Beziehungen), die, wie oben erwähnt, in der Praxis oft zu wenig berücksichtigt wird.

Praxistipp

Nutzen Sie die MenoMatrix als Checkliste: Gehen Sie Feld für Feld durch und sammeln Sie Hinweise, Bedürfnisse und bestehende Angebote. So erkennen Sie direkt, wo in Ihrem Unternehmen Handlungsbedarf besteht. Beispielsweise können auf der Liste der Verhältnisprävention folgende Punkte hilfreich sein: flexible Arbeitszeiten, vermehrte Möglichkeit zum Homeoffice, Sensibilisierung von Führungskräften, klimatisierte Räume, Tischventilatoren, ortsnah verfügbare Toiletten mit kostenfreien Hygieneartikeln oder Individualberatung durch spezialisierte Ärzt:innen.

MenoMAPP als Schritt-für-Schritt-Anleitung

Die MenoMAPP zeigt die Route von der Bestandsaufnahme bis zur Umsetzung im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM). Sie ist vierstufig und lässt sich in bestehende BGM-Modelle integrieren. MAPP steht für:

  • Messen (Bedarfe und Erfahrungen erfassen)

  • Analysieren (Lücken und Belastungen erkennen, Unterstützungsbedarf ableiten)

  • Planen (Ziele und Maßnahmen festlegen und priorisieren)

  • Praktizieren (konkret umsetzen und im Alltag verankern)

Der Prozess ist iterativ. Nach der Umsetzung ist es wichtig, erneut zu messen und zu bewerten, was wirkt oder was noch zu verändern ist.

Chan de Avilas Tipp: „Starten Sie klein, etwa mit einer anonymen Bestandsaufnahme entlang der MenoMatrix, und entwickeln Sie dann einem klaren Maßnahmenplan nach der MenoMAPP.“ So entsteht eine systematische Unterstützung, die die betroffenen Mitarbeiterinnen stärkt und gleichzeitig die Führungskräfte entlastet.  

Win-win-Situation für Frauen und Unternehmen

Wichtig ist der Expertin, dass die Frauen diese Unterstützung nur vorübergehend in den Wechseljahren brauchen. „Danach wächst bei vielen oft die Lust auf Veränderung, auf neue Aufgaben, Weiterbildung, frische Projekte. Und ältere Arbeitnehmerinnen bringen Selbstbewusstsein und wertvolle Erfahrung mit. Sie sind also ein echter Gewinn für Unternehmen“, sagt sie. Für Betriebe, die sich kümmern, entsteht so eine Win-win-Situation. Denn laut der Forscherin bleiben Frauen länger bei ihrem Arbeitgeber, wenn sie sich in dieser Lebensphase dort unterstützt fühlen.

Das gilt übrigens für Männer genauso. Auch sie verändern sich beim Älterwerden. „Deshalb sollten Transformation und Wohlbefinden in der Lebensmitte zu zentralen Themen für alle werden“, findet Chan de Avila.

Fakten zum Thema
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